Nachruf auf Prof. Dr. Dr. h.c. Arnold Angenendt (1934 bis 2021).

16.08.2021

Am 8. August 2021 starb der Kirchenhistoriker Arnold Everhard Angenendt kurz vor Vollendung seines 87. Lebensjahres. Er hat sein Fach nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), das mit seiner Priesterweihe im Jahre 1963 zusammenfiel, durch die Bereitschaft, neue Methoden zu erschließen, wie kein anderer revolutioniert und im Konzert der Wissenschaften anschlussfähig gemacht. Wurde Kirchengeschichte bis in seine Zeit weithin als Rekonstruktion und Exempel der Dogmatik betrieben, ebnete er durch die Erprobung sozial-, mentalitäts- und religionsgeschichtlicher Fragestellungen und Methoden den Weg der Kirchengeschichte in die neuere Kulturgeschichte.

Wenig bekannt ist, dass seine wissenschaftliche Karriere an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Bochum begann, wohin er 1976 berufen wurde. Hier, an einer jungen Fakultät an der 1962 begründeten Reformuniversität an der Ruhr, verdiente sich der junge Professor erste Lorbeeren und legte das Fundament für sein späteres Schaffen. Bereits 1980 folgte dann ein Ruf nach Münster, wo er bis zu seiner Emeritierung und darüber hinaus lehrte und jetzt verstorben ist.

Seine Biographie war durch die Herkunft von einem Bauernhof im niederrheinischen Goch geprägt, einem Umfeld, dem er lebenslang verbunden blieb: Ob Niederrhein oder Ruhrgebiet, religiöse Lebensformen des Alltags der „kleinen Leute“ waren ihm ebenso wichtig wie eine theologische Hochkultur. Als charismatischer Redner vermittelte er beides in seinen Lehrveranstaltungen und Predigten, wobei letztere oft in spannende historische Zeitreisen übergingen. Sein jugendliches, von einem akademischen oder klerikalen Habitus ungetrübtes Charisma zog in Bochum schnell weite Kreise, als der Zustrom von Hörer:innen verschiedener Fakultäten ständige Umzüge in größere Hörsäle bis in den Audimax erzwang. Offenkundig fanden der neue Professor und die unkomplizierten Bochumer Studierenden rasch eine gemeinsame Wellenlänge, denn er erinnerte sich später sehr gerne an diese Zeit; sein Weggang nach Münster war als Priester des dortigen Bistums allerdings zu erwarten gewesen.

Was hat Arnold Angenendt der Kirchengeschichte in Bochum hinterlassen? Nicht nur seinen Namen und viel später publizierte Manuskripte, deren kreativ-chaotische Struktur seine Mitarbeiter:innen regelmäßig an ihre Grenzen brachte, sondern auch den Grundsatz, sein Fach nicht in einem Elfenbeinturm anzusiedeln, sondern der universitären Lehre für junge (und ältere) Menschen hohes Gewicht beizumessen: Man müsse als Professor schon wissen, ob man fürs Regal oder für Menschen arbeite, pflegte er zu sagen. Für ihn war das keine Frage, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass seine berühmtesten und voluminösen Publikationen erst am Ende seiner aktiven Lehrtätigkeit oder danach, aber dann in atemberaubender Zeitfolge entstanden, wie etwa das opus magnum der „Geschichte der Religiösität im Mittelalter“ (1997), „Toleranz und Gewalt“ (2007), „Offertorium. Das mittelalterliche Meßopfer“ (2013) oder „Ehe, Liebe und Sexualität im Christentum“ (2015). Alle diese Publikationen waren weit mehr als gelehrte Tiefenbohrungen, sondern können ebenso als engagierte Stellungnahmen in kirchenpolitischen Debatten gegen fundamentalistische Versuchungen oder als Kompendien eines religiösen Kosmos gelesen werden, dessen historische Erschließung eine dynamische Freiheitsgeschichte erkennen lässt. Diese Erkenntnis und dieses Vermächtnis eines engagierten Christen, leidenschaftlichen Hochschullehrers und überzeugenden Priesters werden die historische Wissenschaft und seine Nachfolger auf Dauer begleiten.

Wilhelm Damberg (Assistent von Arnold Angenendt 1983-1990), auch im Namen von Florian Bock und allen Mitarbeitenden der Senior- und Juniorprofessur für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit