02.06.2026
Spätestens seit der COVID-19-Pandemie sind Seuchen wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Unzählige Fachartikel, Videos und Social-Media-Beiträge dokumentierten diese kollektive Krisenerfahrung in Echtzeit. Doch wie lässt sich Medizingeschichte für eine Zeit erforschen, aus der weder wissenschaftliche Publikationen noch digitale Dokumentationen überliefert sind? Dieser Herausforderung stellt sich Tilmann Gaitzsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament.
Spätestens seit der COVID-19-Pandemie sind Seuchen wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Unzählige Fachartikel, Videos und Social-Media-Beiträge dokumentierten diese kollektive Krisenerfahrung in Echtzeit. Doch wie lässt sich Medizingeschichte für eine Zeit erforschen, aus der weder wissenschaftliche Publikationen noch digitale Dokumentationen überliefert sind? Dieser Herausforderung stellt sich Tilmann Gaitzsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament.
Welche Hinweise auf Epidemien finden sich in Quellen aus dem Alten Orient? Und welches Bild von Krankheit zeichnet die Bibel? Diesen Fragen widmete er sich beim FoBoKath-Abendvortrag am 19. Mai. Unter dem Titel „Medizingeschichte im Alten Testament: Krankheit als individuelle und kollektive Katastrophe“ präsentierte Gaitzsch Zwischenergebnisse seiner Dissertation. Die anschließende Response von Prof. Dr. Michael Hölscher ergänzte die alttestamentliche Perspektive um den Blick auf das Neue Testament.
Dass es Hinweise auf größere Krankheitsausbrüche in der Umwelt des Alten Testaments gibt, lasse sich aus unterschiedlichen Quellen erschließen, erläuterte Gaitzsch. Hinweise fänden sich etwa in den Assyrischen und Babylonischen Chroniken, den Amarna-Briefen oder in Darstellungen aus dem Alten Ägypten. Die hebräische Bibel enthalte Beschreibungen spezifischer Krankheitssymptome, die häufig im Zusammenhang mit Begriffen aus dem Wortfeld des Schlagens oder Berührens auftreten. Krankheit werde dabei oftmals mit einem gestörten Verhältnis zu Gott oder zur Gemeinschaft in Verbindung gebracht. Die biblischen Texte über Katastrophen seien jedoch weniger als historische Berichte zu verstehen denn als Reflexionen über individuelle und kollektive Verantwortung.
In seiner Response beleuchtete Prof. Dr. Hölscher Krankheit und Heilung aus neutestamentlicher Perspektive. Heilungswunder und Exorzismen deutete er als Erzählungen von sozialer Exklusion und Reintegration. Verhandelt würden darin nicht nur Fragen nach Normalität und Abweichung, sondern auch Machtdiskurse. Besonders in apokalyptischen Texten würden Krankheiten und Katastrophen als Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit und als Appelle zur Verhaltensänderung erscheinen.
Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum standen Fragen nach religiösen Deutungen ebenso im Mittelpunkt wie aktuelle Perspektiven der Disability Studies. Diskutiert wurde unter anderem, inwiefern Vorstellungen von Krankheit und Normalität kulturell und gesellschaftlich geprägt sind. Darüber hinaus ging es um das Verhältnis von Medizin, Magie und Religion in der Antike.
Die Veranstaltung zeigte, dass Krankheits- und Heilungserzählungen in der Bibel stets auch Verhandlungen von Macht, Verantwortung, Schuld und Gerechtigkeit darstellen und daher vor allem theologisch zu verstehen sind.
Text und Fotos: Elena Hesterkamp
Der nächste FoBoKath-Abendvortrag findet am 20. Juli 2026 statt. Dr. Nadja Waibel referiert zum Thema "Caring Communities als Zukunftsmodell von Kirchgemeinden".