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Was ist heute demokratischer Zusammenhalt? Tag der Theologie in Bochum lieferte Impulse

20.07.2026

Tag Der Theologie Bochum 08072026 Foto Elena Hesterkamp-38

Was kann die Theologie zu Debatten um Demokratie und Gemeinwohl, Krieg und Krisen beitragen? Welche Rolle hat die Theologie in Wissenschaft und Gesellschaft? Diesen Fragen widmete sich der Tag der Theologie am 8. Juli in Bochum. Ingesamt vier Studienstandorte aus dem Ruhrgebiet kamen dafür an der Ruhr-Universität zusammen. Bei Vorträgen und Workshops konnten die Teilnehmenden sich mit verschiedenen Perspektiven und aktuellen Problematiken auseinandersetzen sowie neue Denkanstöße mitnehmen. 

Was kann die Theologie zu Debatten um Demokratie und Gemeinwohl, Krieg und Krisen beitragen? Welche Rolle hat die Theologie in Wissenschaft und Gesellschaft? Diesen Fragen widmete sich der Tag der Theologie am 8. Juli in Bochum. Ingesamt vier Studienstandorte aus dem Ruhrgebiet kamen dafür an der Ruhr-Universität zusammen. Bei Vorträgen und Workshops konnten die Teilnehmenden sich mit verschiedenen Perspektiven und aktuellen Problematiken auseinandersetzen sowie neue Denkanstöße mitnehmen. 


Teilnehmende aus dem gesamten Ruhrgebiet

Mitwirkende waren neben Angehörigen der Katholisch-Theologischen und Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität auch Vertrter:innen der Institute für Katholische Theologie der Universität Duisburg-Essen sowie der Technischen Universität Dortmund. Dabei stand der Tag der Theologie nicht nur Angehörigen der Hochschulen offen. Auch Interessierte aus der Zivilgesellschaft, Studierende anderer Institute und Vertreter:innen kirchlicher und sozialer Einrichtungen nahmen an der Veranstaltung teil. Vor Ort war auch der Bischof des Bistums Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck, der ein Grußwort an die Teilnehmenden richtete. 

Zum Start des Tages betonte der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Matthias Sellmann, wie wichtig Zusammenhalt für die Resilienz und Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften sei. "Der Verlust an wechselseitigem Vertrauen und demokratischer Regelverlässlichkeit" schwäche auch die "Kompetenz zur Bewältigung von Einzelkrisen". Sellmann kritisierte sogenannte "Polarisierungsunternehmer" (ein von Steffen Mau geprägter Begriff). Er betonte: „Gut, dass es Wissenschaft gibt. Denn sie kann uns an der richtigen Stelle beruhigen und zu den richtigen Aktionen ausrichten.“ Weiter unterstrich Sellmann die Rolle von Religion, Kirche und Theologie im Gemeinswesen. "Zusammenhalt entsteht auch für und durch Religionsgemeinschaften, vor allem durch Regeltoleranz, durch geteilte und kritikoffene Rechtfertigungsnarrative, durch Gerechtigkeitsgarantien, durch klug formulierte Verfassungsrechte."

Grußworte betonten wichtige Rolle der Theologie

Die Gleichstellung der Geschlechter als wichtige Dimension von Demokratie stand im Fokus des Grußwortes von Prof. Dr. Ute Gause, der Dekanin der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Gause erinnerte daran, dass Menschenrechte jahrhundertelang ausschließlich Männern zugestanden wurden. Innerhalb der "Multiperspektivität der Bibel und der Kirchengeschichten" fände sich eine eine befreiende und demokratische Perspektive auf die "Einheit aller Menschen in Christus". "Insofern hat die Theologie zum Demokratiediskurs maßgeblich etwas zu sagen", so die Dekanin.

Prof. Dr. Dr. Hubertus Lutterbach vom Lehrstuhl für Historische Theologie an der UDE betonte: "Uns geht es um theologische Brückenschläge. Wenn wir dabei Kategorien wie Vulnerabilität, Gottesbilder, Geschlechterrollen, theologische Grundüberzeugungen, religiöse Praktiken, Gruppenzugehörigkeiten, Bildungslevels oder andere sozialgeschichtliche Grundlagen mitberücksichtigen. Immer im Bemühen um einen Bezug zum Ruhrgebiet und immer bemüht um einen Bezug zu unserer demokratischen Gesellschaft."

Dr. Gregor Taxacher, Privatdozent an der TU Dortmund, sagte, dass Religion als festes Gehäuse verschwunden sei. „Wenn der Kapitalismus – und er hat dieses Revier erbaut und geprägt – selbst religionsförmig ist, wie Walter Bejamin sagte, wie sollte sich Religion darin erhalten? Sie hat es nicht“, so Taxacher. Seiner Meinung nach sei der Auftrag an Theolog:innen im Ruhrgebiet, den Mut zu haben, "diese Situation wahrzunehmen, zu analysieren, und theologisch zu reflektieren". 

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck machte deutlich, welch große Relevanz er der Theologie zuschreibt: "Am christlichen Maßstab der Menschenwürde entscheidet sich, ob unsere Demokratie als eine Ordnung solidarischer Freiheit getragen und unterstützt wird. So betrachtet können wir als Theologinnen und Theologen einen Deutungshorizont eröffnen, vor dessen Hintergrund gesellschaftspolitische Debatten überhaupt erst sinnhaft werden", so der Bischof. Dafür einzutreten sei „ein besonderes Vermögen aber auch unsere gemeinsame Aufgabe als Theologinnen und Theologen". Die Universität, so der Bischof , seien ein "Ort, an dem die Rechenschaft des Glaubens in wissenschaftlicher Form geschieht". Mit der Theologie blieben Fragen im wissenschaftlichen Gespräch, "die sich nicht einfach technisch, ökonomisch oder funktional beantworten lassen: Fragen nach Sinn, Schuld und Hoffnung, nach Gerechtigkeit und Wahrheit, nach Freiheit, Endlichkeit und Verantwortung."



Workshops beleuchteten aktuelle Themen wie Kirchenumnutzung und Kriegsdebatten

In insgesamt sieben Workshops ging es um verschiedene Aspekte des demokratischen Zusammenlebens. Im Workshop mit Prof. Dr. Dr. Lutterbach widmeten sich die Teilnehmenden dem Spannungsfeld von urtümlichem Gentilismus und hochreligiösem Universalismus am Beispiel von Clans. Dr. Gregor Taxacher lud zu einem neuen Blick auf apokalyptische Texte der Bibel ein, deren Betrachtung – so seine These – für eine politische Theologie inmitten der ökologisch sozialen Katastrophe unserer Zeit unverzichtbar seien.

„Was tun mit liturgischen Räumen, wenn die Kosten steigen und die Mitgliedszahlen der Gemeinden sinken?“ – mit dieser Frage befassten sich die Teilnehmenden des Workshops von Lukas Kipping. Anhand realer Beispiele – wie Fitnessstudios, Restaurants oder Buchhandlungen in entweihten Kirchen – diskutierten die Beteiligten über verschiedene (Neu-)nutzungsmöglichkeiten. Das Fazit von Student Juliano Uhlmann: „Ich habe mitgenommen, dass bei der Neugestaltung von profanierten Kirchenräumen keine Grenzen gesetzt sind.“ Studentin Annika Collas schätzt die praktischen Anknüpfungspunkte: „Man hat gemerkt: Hier ist sehr viel Emotionalität und sehr viel Bezug im Raum. Und gerade das ist für Demokratie entscheidend. Es erfordert einen besonders respektvollen und sensiblen Umgang miteinander, dass man die Innovationslust vereinbaren kann mit den Erinnerungen und Bezügen, die an solchen Gebäuden hängen.“

 

Brückenschlag zwischen biblischen Texten und aktuellen Diskursen

Zum demokratischen Miteinander gehört es, sich verwundbar zu machen – eine mögliche Schlussfolgerung aus dem Worskhop von Dr. Benedict Schöning. Er lieferte eine theologische Perspektive auf Vulnerabilität. Schönings These: Sich dem Gegenüber verwundbar zu machen und darin nicht verletzt zu werden, schaffe Beziehungen und gesellschaftliche Kohäsion, fordere aber Selbstbeschränkung derer, die Macht benennen würden. Workshop-Teilnehmerin Carina Georg: „Ich habe mitgenommen, wie wichtig es ist, geschützte Strukturen und Räume zu schaffen, in denen man über gesellschaftliche Themen ins Gespräch kommen kann.“ Ein ebenfalls aktulles Thema nahm Prof. Dr. Reinhard von Bendemann in seinem Workshop in den Fokus: die Diskussion um Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit. Insbesondere in Nordamerika haben Theorien vom sogenannten „gerechten Krieg“ aktuell Hochkonjunktur. Dabei wird mit dem Neuen Testament argumentiert. Von Bendemann stellte den 'just war theories' die großen pazifistischen Texte gegenüber – wie Jesu‘ Forderung nach Feindesliebe und Gewaltverzicht, und lud die Teilnehmenden zur Diskussion ein.

„Welches ist dein Part in der wirksamen und umfassenden Befreiuung der Unterdrückten?“ Dieses Zitat von Leonardo und Clodovis Boff stellte Johannes Thüne seinem Workshop voran. Diesen hatte er gemeinsam mit seinen Studierenden konzipiert. Die Studierenden haben sich das Semester über mit Befreiungstheologie befasst und eigene Perspektiven erarbeitet – wozu sie auch die Workshop-Teilnehmenden am Tag der Theologie ermutigten. Der Frage, wie Kirchen Vertrauen zurückgewinnen können, widmete sich der Workshop von Prof. Dr. Sellmann und Nikita Katsuba. Ihre These: Die Wahrnehmung von Gemeinwohlwirksamkeit ist ein zentrales Kriterium. Es könne ekklesiologisch begründet und die Veränderung der kirchlichen Praxis sogar gemessen werden.

Tag der Theologie endete my Keynote und Verabschiedung von Prof. Dr. Thomas Söding

Der Tag endete mit einer Keynote von Prof. Dr. Thomas Söding, der zu diesem besonderen Anlass als Seniorprofessor am Lehrstuhl für Neues Testament verabschiedet wurde. Söding, der den Lehrstuhl von 2008 bis 2024 leitete und von 2017 bis 2019 auch Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät war, befasste sich in seinem Vortrag mit der Aufgabe der Theologie in Kirche und Gesellschaft. "Die interdisziplinäre Kompetenz der Theologie ist das A und O ihrer kirchlichen und gesellschaftlichen Relevanz", so Söding. Fundamentalistische Perversionen von Religion seien zurück auf der Weltbühne und die Wissenschaft könne sie entlarven, weshalb der Dialog zwischen Glaube und Vernunft wichtiger sei denn je. Theologie müsse "diskursiv und empathisch" sein, um "ihre kritische und konstruktive Kraft in der Kirche von heute" neu zu entfalten. Sie müsse "informiert und unabhängig" sein, "engagiert, aber nicht distanzlos, vielstimmig, aber keine Kakophonie", führte Söding aus.

Zur Aufgabe der katholischen Theologie gehöre, so Söding, auch die konstruktive Kritik und Arbeit an Problemlösungen. "Der synodale Weg ist der Ernst. Hier werden Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal und aus den unwuchten Hierarchien gezogen." Theologisch ließe sich verstehen, "dass es nicht nur theologische Faktoren seien, die Reformen befördern oder behindern" würden, sagte Söding. "Die wissenschaftliche Arbeit nimmt Schaden, wenn der Reformbedarf moralisiert wird. Aber sie bringt Nutzen, wenn sie konkretisiert, welches Ethos der Partizipation dem Evangelium innewohnt." Söding verdeutlichte: "Die konstruktive Aufgabe der Theologie besteht darin, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Gerade in Option für die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Ausgegrenzten. Und sie besteht darin, die internationale Solidarität zu fördern. Nicht mit hochfliegenden Idealen, sondern mit ethisch orientierter Realpolitik. Theologie muss lernen, wissenschaftlich den Alltag zu durchdringen." 

Bericht: Elena Hesterkamp