11.08.2026
Ein Tag mit Workshops und Austausch zu dem Verhältnis von Theologie und Demokratie, vier mitwirkende Studienstandorte der Theologie und die Verabschiedung einer besonderen Persönlichkeit – am 08. Juli fand in Bochum der Tag der Theologie statt.
Ein Tag mit Workshops und Austausch zu dem Verhältnis von Theologie und Demokratie, vier mitwirkende Studienstandorte der Theologie und die Verabschiedung einer besonderen Persönlichkeit – am 08. Juli fand in Bochum der Tag der Theologie statt.
Der Tag der Theologie war thematisch zentralen Forschungsanliegen von Prof. Dr. Thomas Söding gewidmet und stand unter dem Titel „Was ist heute: ‚Demokratischer Zusammenhalt‘?" Beträge von Theologie, Kirche und christlicher Zivilgesellschaft. Thomas Söding war von 2008 bis 2024 Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, von 2017 bis 2019 Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät und ab 2024 Seniorprofessor. Mit dem Tag der Theologie wurde er als Seniorprofessor verabschiedet.
Zu diesem Anlass hielt er die Keynote "Theologie auf dem Prüfstand. Ihre Aufgabe in Kirche und Gesellschaft“ in der er die Aufgabe der Theologie kritisch reflektierte. "Die interdisziplinäre Kompetenz der Theologie ist das A und O ihrer kirchlichen und gesellschaftlichen Relevanz", so Söding. Fundamentalistische Perversionen von Religion seien zurück auf der Weltbühne und die Wissenschaft könne sie entlarven, weshalb der Dialog zwischen Glaube und Vernunft wichtiger sei denn je. Theologie müsse „diskursiv und empathisch" sein, um "ihre kritische und konstruktive Kraft in der Kirche von heute" neu zu entfalten. Sie müsse "informiert und unabhängig" sein, „engagiert, aber nicht distanzlos, vielstimmig, aber keine Kakophonie", führte Söding aus.
Zur Aufgabe der katholischen Theologie gehöre, so Söding, auch die konstruktive Kritik und Arbeit an Problemlösungen. "Der synodale Weg ist der Ernst. Hier werden Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal und aus den unwuchten Hierarchien gezogen." Theologisch ließe sich verstehen, "dass es nicht nur theologische Faktoren seien, die Reformen befördern oder behindern" würden, sagte Söding. "Die wissenschaftliche Arbeit nimmt Schaden, wenn der Reformbedarf moralisiert wird. Aber sie bringt Nutzen, wenn sie konkretisiert, welches Ethos der Partizipation dem Evangelium innewohnt." Söding verdeutlichte: "Die konstruktive Aufgabe der Theologie besteht darin, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Gerade in Option für die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Ausgegrenzten. Und sie besteht darin, die internationale Solidarität zu fördern. Nicht mit hochfliegenden Idealen, sondern mit ethisch orientierter Realpolitik. Theologie muss lernen, wissenschaftlich den Alltag zu durchdringen."
Vorausgegangen war ein abwechslungsreiches Programm. Mitgewirkt haben hierbei Mitglieder der Katholisch-Theologischen und Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität, sowie der Institute für Katholische Theologie der Universität Duisburg-Essen und der Technischen Universität Dortmund.
Der Tag war mit Grußworten von Vertreter*innen der mitwirkenden Standorte eröffnet worden.
Prof. Dr. Matthias Sellmann, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, betonte, wie wichtig Zusammenhalt für die Resilienz und Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften sei. "Der Verlust an wechselseitigem Vertrauen und demokratischer Regelverlässlichkeit" schwäche auch die "Kompetenz zur Bewältigung von Einzelkrisen". Sellmann kritisierte sogenannte "Polarisierungsunternehmer" (ein von Steffen Mau geprägter Begriff). Er betonte: „Gut, dass es Wissenschaft gibt. Denn sie kann uns an der richtigen Stelle beruhigen und zu den richtigen Aktionen ausrichten.“ Weiter unterstrich Sellmann die Rolle von Religion, Kirche und Theologie im Gemeinswesen. "Zusammenhalt entsteht auch für und durch Religionsgemeinschaften, vor allem durch Regeltoleranz, durch geteilte und kritikoffene Rechtfertigungsnarrative, durch Gerechtigkeitsgarantien, durch klug formulierte Verfassungsrechte."
Die Gleichstellung der Geschlechter als wichtige Dimension von Demokratie stand im Fokus des Grußwortes von Prof. Dr. Ute Gause, der Dekanin der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Gause erinnerte daran, dass Menschenrechte jahrhundertelang ausschließlich Männern zugestanden wurden. Innerhalb der "Multiperspektivität der Bibel und der Kirchengeschichten" fände sich eine eine befreiende und demokratische Perspektive auf die "Einheit aller Menschen in Christus". "Insofern hat die Theologie zum Demokratiediskurs maßgeblich etwas zu sagen", so die Dekanin.
Prof. Dr. Dr. Hubertus Lutterbach vom Lehrstuhl für Historische Theologie an der UDE betonte: "Uns geht es um theologische Brückenschläge. Wenn wir dabei Kategorien wie Vulnerabilität, Gottesbilder, Geschlechterrollen, theologische Grundüberzeugungen, religiöse Praktiken, Gruppenzugehörigkeiten, Bildungslevels oder andere sozialgeschichtliche Grundlagen mitberücksichtigen. Immer im Bemühen um einen Bezug zum Ruhrgebiet und immer bemüht um einen Bezug zu unserer demokratischen Gesellschaft."
Dr. Gregor Taxacher, Privatdozent an der TU Dortmund, sagte, dass Religion als festes Gehäuse verschwunden sei. „Wenn der Kapitalismus – und er hat dieses Revier erbaut und geprägt – selbst religionsförmig ist, wie Walter Bejamin sagte, wie sollte sich Religion darin erhalten? Sie hat es nicht“, so Taxacher. Seiner Meinung nach sei der Auftrag an Theolog:innen im Ruhrgebiet, den Mut zu haben, "diese Situation wahrzunehmen, zu analysieren, und theologisch zu reflektieren".
Vor Ort war auch der Bischof des Bistums Essen, Dr. Franz-Josef Overbeck, der ein Grußwort an die Teilnehmenden richtete. Er machte deutlich, welch große Relevanz er der Theologie zuschreibt: "Am christlichen Maßstab der Menschenwürde entscheidet sich, ob unsere Demokratie als eine Ordnung solidarischer Freiheit getragen und unterstützt wird. So betrachtet können wir als Theologinnen und Theologen einen Deutungshorizont eröffnen, vor dessen Hintergrund gesellschaftspolitische Debatten überhaupt erst sinnhaft werden", so der Bischof. Dafür einzutreten sei „ein besonderes Vermögen aber auch unsere gemeinsame Aufgabe als Theologinnen und Theologen". Die Universität, so der Bischof, seien ein "Ort, an dem die Rechenschaft des Glaubens in wissenschaftlicher Form geschieht". Mit der Theologie blieben Fragen im wissenschaftlichen Gespräch, "die sich nicht einfach technisch, ökonomisch oder funktional beantworten lassen: Fragen nach Sinn, Schuld und Hoffnung, nach Gerechtigkeit und Wahrheit, nach Freiheit, Endlichkeit und Verantwortung."
In insgesamt sieben Workshops ging es im Anschluss um die vertiefte Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten des demokratischen Zusammenlebens und der Theologie.
Im Workshop mit Prof. Dr. Dr. Lutterbach widmeten sich die Teilnehmenden dem Spannungsfeld von urtümlichem Gentilismus und hochreligiösem Universalismus am Beispiel von Clans. Dr. Gregor Taxacher lud zu einem neuen Blick auf apokalyptische Texte der Bibel ein, deren Betrachtung – so seine These – für eine politische Theologie inmitten der ökologisch sozialen Katastrophe unserer Zeit unverzichtbar seien.
"Was tun mit liturgischen Räumen, wenn die Kosten steigen und die Mitgliedszahlen der Gemeinden sinken?" – mit dieser Frage befassten sich die Teilnehmenden des Workshops von Lukas Kipping. Anhand realer Beispiele – wie Fitnessstudios, Restaurants oder Buchhandlungen in entweihten Kirchen – diskutierten die Beteiligten über verschiedene (Neu-)nutzungsmöglichkeiten. Das Fazit von Student Juliano Uhlmann: "Der Neugestaltung von profanierten Kirchenräumen sind keine Grenzen gesetzt." Studentin Annika Collas schätzte die praktischen Anknüpfungspunkte: "Man hat gemerkt, hier ist sehr viel Emotionalität und sehr viel Bezug im Raum. Und gerade das ist für Demokratie entscheidend. Es erfordert einen besonders respektvollen und sensiblen Umgang miteinander, dass man die Innovationslust vereinbaren kann mit den Erinnerungen und Bezügen, die an solchen Gebäuden hängen."
Zum demokratischen Miteinander gehört es, sich verwundbar zu machen – so eine mögliche Schlussfolgerung aus dem Workshop von Dr. Benedict Schöning. Er lieferte eine theologische Perspektive auf Vulnerabilität. Schönings These: Sich dem Gegenüber verwundbar zu machen und darin nicht verletzt zu werden, schaffe gesellschaftliche Kohäsion, fordere aber Selbstbeschränkung derer, die Macht benennen würden. Workshop-Teilnehmerin Carina Georg: "Ich habe mitgenommen, wie wichtig es ist, geschützte Strukturen und Räume zu schaffen, in denen man über gesellschaftliche Themen ins Gespräch kommen kann." Ein ebenfalls aktuelles Thema nahm Prof. Dr. Reinhard von Bendemann in seinem Workshop in den Fokus: die Diskussion um Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit. Insbesondere in Nordamerika haben Theorien vom sogenannten „gerechten Krieg“ aktuell Hochkonjunktur. Dabei wird das Neue Testament als Legitimationsgrundlage herangezogen. Von Bendemann stellte diesen 'just war theories' die großen pazifistischen Texte gegenüber – wie Jesu‘ Forderung nach Feindesliebe und Gewaltverzicht, und lud die Teilnehmenden zur Diskussion ein.
"Welches ist dein Part in der wirksamen und umfassenden Befreiuung der Unterdrückten?" Dieses Zitat von Leonardo und Clodovis Boff stellte Johannes Thüne dem Workshop voran, welchen er gemeinsam mit seinen Studierenden konzipiert hatte. Die Studierenden haben sich das Semester über mit Befreiungstheologie befasst und eigene Perspektiven erarbeitet – wozu sie auch die Workshop-Teilnehmenden am Tag der Theologie ermutigten. Der Frage, wie Kirchen Vertrauen zurückgewinnen können, widmete sich der Workshop von Prof. Dr. Sellmann und Nikita Katsuba. Ihre These: Die Wahrnehmung von Gemeinwohlwirksamkeit ist ein zentrales Kriterium. Es könne ekklesiologisch begründet und die Veränderung der kirchlichen Praxis sogar gemessen werden.
Bericht: Elena Hesterkamp und Carina Georg