Überblick über Arbeitsschwerpunkte und Drittmittelprojekte

Präventionsethik

Im Zentrum dieses Projekts und Arbeitsschwerpunktes steht die Entfaltung einer Ethik der Prävention. Wo Sicherheit zu einem Leitmotiv und einer Querschnittsthematik in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten wird und zugleich eine neue Bereichsethik konstituiert, da tritt die ethische Brisanz der Präventionsthematik deutlich zutage. Erforscht wird die ethische Relevanz und Problematik von Prävention in verschiedenen Diskursen (s.u.), dabei werden ethisch relevante Kriterien und Prinzipien erarbeitet, die in unterschiedlichen Präventionskontexten Anwendung finden können.


Fokus Politische Ethik: Sicherheit oder Freiheit? - Ethische Fragen der Terrorbekämpfung

Spätestens seit dem 11. September 2001 bildet der internationale Terrorismus eine zentrale Konstante in der globalen wie auch in der nationalen Politik. Die Terrorbekämpfung ist eines der wichtigsten Felder politischen Denkens und Handelns. Die Frage nach einem angemessenen Antiterrorkampf wirft jedoch eine Reihe komplexer und ethisch brisanter Fragen auf. Dabei geht es im Kern um die Frage, wie das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit zu denken ist, mit all den Konsequenzen, die sich aus ihrer Verhältnisbestimmung ergeben. Die Thematik der moralischen Legitimation des staatlichen Handelns im Kampf gegen den neuen Terrorismus ist deshalb von zentraler Aktualität und Relevanz für die freiheitlichen Gesellschaften des Westens. Dieser aktuellen Herausforderung wimdet sich der Arbeitsschwerpunkt und möchte zu Lösungsmöglichkeiten auf der Grundlage theologisch-ethischer Reflexionen beitragen. Siehe hierzu: Klöcker, Katharina: Zur Moral der Terrorbekämpfung. Eine theolgisch-ethische Kritik, Ostfildern 2009. // Klöcker, Katharina: Auf Nummer sicher? – Überlegungen zu einer theologischen (Un)Sicherheitsethik, in: Gabriel, Karl / Spieß, Christian / Winkler, Katja (Hg.): Religion – Gewalt – Terrorismus. Religionssoziologische und ethische Analysen (Reihe zwischen Religionsfreiheit und Gewalt 3), Paderborn 2010, 203-223. // Klöcker, Katharina: Freiheit im Fadenkreuz. Terrorbekämpfung als christlich-ethische Herausforderung, Freiburg 2017. // Klöcker, Katharina: How should we resist terrorism? Some ideas from Christian ethics, in: Ethics and Armed Forces, e-journal 2017 // Klöcker, Katharina: Wie dem Terror widerstehen? Impulse christlicher Ethik, in: Ethik und Militär, E-Journal 2017.


Fokus Bioethik: Prädiktive Medizin - Zur Genetisierung der Gesellschaft

Gegenwärtig entwickelt sich im biomedizinischen Bereich mit Blick auf das neue Leitmotiv der Prävention ein neuer, in all seinen künftigen möglichen Facetten noch gar nicht abschließend zu skizzierender Fragenkomplex. Gab bislang eine medizinische Prognose Auskunft über den möglichen Verlauf einer Erkrankung, so ist es nun möglich, mittels prädiktiver genetischer Tests das Risiko einer erst im weiteren Verlauf des Lebens eintretenden Erkrankung zu erfassen. Die Weiterentwicklung genetischer Diagnoseverfahren vollzieht sich in rasantem Tempo: Immer umfangreichere Informationsmengen können erhoben werden. Die ethischen Herausforderungen, die die Gendiagnostik allein für Fragen im postnatalen Bereich mit sich bringen, sind daher immens. Siehe hierzu: Klöcker, Katharina: Vorzeichen Verwundbarkeit. Zur Problematik postnataler Gendiagnostik, in: Stimmen der Zeit 233 (2015) 15-24. // Klöcker, Katharina: Schuld an Krankheit? Herausforderungen der prädiktiven Medizin in theologisch-ethischer Reflexion, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik 60 (2016) 262-271.


Drittmittelprojekt: Zur Frage des Medikamentenmissbrauchs an Heimkindern im Franz Sales Haus (1945-1975). Historische Klärungen – ethische Perspektiven

in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Evangelisch-Theologischen Fakultät Bochum

Tausende Heimkinder sollen neuen Studien zufolge zwischen 1945 und 1975 bundesweit Opfer von Medikamentenmissbrauch geworden sein. Das interdisziplinäre Projekt befasst sich mit der Aufarbeitung mutmaßlichen Medikamentenmissbrauchs in Heimen in historischer und ethischer Perspektive. Exemplifiziert werden soll die Thematik im Hinblick auf das Franz Sales Hauses in Essen. Die von dem beteiligten Historiker zu erstellende institutionen- und sozialgeschichtliche Studie auf der Basis verschiedener Quellen der Einrichtung wie auch regionaler und nationaler Archive gilt es in ethischer Perspektive sowohl zeitgeschichtlich zu kontextualisieren als auch vor dem Hintergrund heutiger ethischer Debatten einzuordnen und zu bewerten. Dabei werden unterschiedliche Facetten von Arzneimittelmissbrauch im Kontext der Heimerziehung berücksichtigt und einer differenzierten Analyse unterzogen. Hierbei spielen Fragen nach dem ärztlichen und pädagogischen Fürsorgeethos in der Heimerziehung ebenso eine wichtige Rolle wie auch die noch herauszuarbeitende gesamtgesellschaftliche Akzeptanzbereitschaft unterschiedlicher Formen potentiell missbräuchlichen Umgangs mit Medikamenten. Entsprechend sollen Impulse für einen ethisch verantwortlichen Arzneimitteleinsatz in der gegenwärtigen und künftigen Behindertenarbeit unter Berücksichtigung christlicher Wertvorstellungen erarbeitet werden.


Zum systematischen Stellenwert des Konkreten - Fundamentalethischer Forschungsschwerpunkt

Die Frage nach dem systematischen Stellenwert des Konkreten ist eine die theologische Ethik herausfordernde Thematik, die in unterschiedlichen Facetten gegenwärtig im Hinblick auf die Möglichkeit einer überzeugenden Vermittlung zwischen Konkretem und Universalem diskutiert wird. Zu nennen wären hier exemplarisch der Diskurs über eine pluralismusfähige Ethik, Vermittlungsversuche zwischen Gerechtigkeitstheorien und einer Ethik des Guten, Interkulturelle Ethikentwürfe – oder auch die jüngste Debatte über die Entweltlichung der Ethik. Allen Überlegungen zu einer gelungenen Vermittlung vorauszugehen hat jedoch die Frage nach der jeweiligen Gestalt des Konkreten und des Universalen. Ist das Konkrete hinreichend bestimmt, wenn es auf eine Korrektivfunktion normativer Ethik reduziert wird? Oder kommt dem Konkreten, kommt der Erfahrung, der Empirie ein eigener systematischer Stellenwert zu?
Siehe hierzu: Klöcker, Katharina: Lerne, mit dem Schmerz zu denken! Ein Imperativ theologischer Ethik?, in: Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 64 (2017) 128-149 // Klöcker, Katharina: Und die Geschicht‘ von der Moral? – Geschichtlichkeit als elementare Kategorie theologischer Ethik (eingereicht), erscheint in: Essen, Georg/Frevel, Christian Frevel (Hg.): Theologie und Geschichte (Arbeitstitel) (Quaestiones disputatae) Freiburg 2018 // Klöcker, Katharina: Kasuistik als Königsweg in die Konkretion? Überlegungen zu einer situationsgerechten Ethik (Arbeitstitel).


Forschungsprojekte am Lehrstuhl bis 2013

DFG-Drittmitttelprojekt: Strategien des Umgangs mit der Begrenztheit kognitiver Fähigkeiten bei Entscheidungen und ihre Bedeutung für ein normatives Konzept praktischer Rationalität

Ziel des Projekts ist es, einen zentral wichtigen Baustein normativer Theoriebildung in der Frage zu bearbeiten, was es bedeutet, in komplexen Situationen rational zu entscheiden, wenn Kapazität und Zeit zur Bewältigung der – ebenfalls nur begrenzt verfügbaren – Informationen knapp sind. (1) Hier soll die im Übergang zur Neuzeit entstandene, bislang kaum beachtete theologische und philosophische Tradition des Nachdenkens über komplexe Entscheidungslagen aufgegriffen und weiterentwickelt, d.h. neuen Erkenntnissen der experimentellen Forschung angepasst werden. Dies ist möglich, weil es zum Problem des Umgangs mit beschränkter Rationalität erstaunliche Parallelenzwischen frühmodernen und zeitgenössischen Entscheidungsmodellen gibt. Auf diese Weise kann der gegenwärtig geführte Diskurs um Strategien rationalen Entscheidens vom normativen Blickwinkeldieser heute fast vergessenen Ansätze profitieren, während umgekehrt die theologisch-philosophische Tradition der Entwicklung von Entscheidungsregeln durch deskriptiv verfahrende moderne Analysenerweitert und vertieft werden kann. (2) Die erwähnten frühmodernen Entscheidungsheuristiken beziehen sich auf medizinethische Fragen. Daher sollen in dem hier skizzierten Forschungsvorhaben die theoretischen Voraussetzungen sowie die praktischen Konsequenzen medizinischer Entscheidungenim Mittelpunkt stehen. Angezielt wird eine präskriptiv verfahrende normative Theorie des Entscheidens unter Bedingungen beschränkter Rationalität, die in einen empirisch fundierten deskriptiven Rahmen eingebettet wird.

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Drittmittelprojekt: Untersuchungen zur Verbesserung der Sterbekultur in Deutschland

Die Frage des Umgangs mit Sterbenden gehört zu den Schlüsselproblemen unserer Gesellschaft. Die Hospizbewegung steht zusammen mit der Palliativmedizin für den Anspruch, Menschen ein Sterben in Selbstbestimmung und Würde zu ermöglichen. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist die interdisziplinär verfahrende wissenschaftliche Reflexion der Hospizarbeit mit dem Ziel, Kriterien, Normen und Strukturen zu etablieren, welche die bestmögliche Betreuung Sterbender sichern.
Der Lehrstuhl für Moraltheologie kann mit Drittmitteln, die vom Förderverein des Lukas-Hospizes in Herne und seinem Vorstand, Herrn Prof. Dr. med. Alexander Sturm, bereitgestellt werden, eine auf zwei Jahre befristete Forschungsstelle in Zusammenarbeit mit dem von Herrn Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann geleiteten Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin einrichten. Hier sollen Fragen am Ende des menschlichen Lebens (end-of-life decision making) wissenschaftlich so bearbeitet werden, dass sie der hospizlichen Praxis und so letztendlich den Menschen in der letzten Phase des Lebens zugute kommen.
In unserer Öffentlichkeit besteht leider noch immer eine allgemeine Sprachlosigkeit und Tabuisierung der Lebensphasen des Sterbens. Ursachen hierfür sind im Wesentlichen ein Unwissen über die unterschiedlichen Sterbe-Formen und vielfältigen Ängste vor dem Verlauf der Sterbephase des Lebens. Das mangelnde Wissen führt einerseits zu unterschiedlichen Defiziten in der Betreuung Sterbender und verhindert andererseits die persönliche Auseinandersetzung mit dem Lebensende und eine angemessene Vorbereitung auf diese Lebensphase. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass durch ein kompetendes und spezifisches Wissen die Lebensphase des Sterbens menschenwürdig, weitgehend beschwerdefrei und aktiv gestaltungsfähig ermöglicht werden kann - ohne unerwünschte lebensverlängernde Maßnahmen oder aktive Sterbehilfe. Der Erarbeitung eines solchen Wissens sieht sich das Forschungsprojekt verpflichtet.
Ebenfalls in Kooperation mit dem Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin sollen wissenschaftliche Tagungen konzipiert und durchgeführt werden. Die Referate der Tagungen sollen publiziert werden.
Das Projekt wurde bis Ende 2009 durch Frau Dr. med. Sabine Salloch betreut, seit Mai 2010 ist Herr Dr. phil. Andreas Walker für das Projekt verantwortlich.

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