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Forschungschwerpunkte

a) Kommunikative Theologie / öffentliche Theologie in ihrer Relevanz für gegenwärtige Gesellschaften
Forschungsschwerpunkt und Forschungsvorhaben
Die Präsenz von Religion im öffentlichen Raum ist ein interkulturelles und interreligiöses Thema, das sich nicht nur in gegenwärtigen politischen Debatten (Kopftuch, Kreuze in Schulen, christliches Abendland etc.) zeigt, sondern in Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen von Menschen mit sichtbaren religiösen Symbolen. Mich als systematische Theologin interessiert an diesen Themen und Vorkommnissen die Bedeutung religiöser Symbole und ihr Verständnis für eine gegenwärtige Gesellschaft.
Diese Fragestellung werde ich daher in drei sehr unterschiedlichen Zugängen erforschen. Erstens wird die Präsenz von Identitäten im öffentlichen Raum, die sich durch symbolische Kleidung bereits körperlich als zu einer Religion zugehörig zeigen, als Frage nach einer Pluralitätsfähigkeit der Gesellschaft untersucht. Hier steht die Pluralitäts- und Divergenzfähigkeit der Mehrheitsgesellschaft im Mittelpunkt. Zweitens werde ich in einer Monographie meine langjährige Forschung für dieses Zusammenspiel von öffentlicher Präsenz, Öffentlichkeit und religiöser Symbolik auf ihr treibendes Thema, nämlich die Macht, und die Konsequenz für eine Theologie, die sich gesellschaftlich verantwortlich und politisch gestaltend versteht, vorlegen. In diesem Sinne versteht sich das Kooperationsprojekt mit dem Iran als ein Case Study zur in der Monographie vorzulegenden theologischen Konzeption. Drittens ist der Internationale Forschungskreis Kommunikative Theologie der Forschungsraum, in dem und aus dem heraus diese Forschungen entstehen und eingebunden sind. Dies wird im 5. Kongress zum Thema „Heimaten“ behandelt werden.

b) Intersektionalitätsforschung – konkrete Verbildlichung von hidden patterns
Forschungsschwerpunkt und Forschungsvorhaben
Die Intersektionalitätsanalyse ist Ende der 1980er Jahre von Kimberlé Crenshaw entwickelt worden, um aufzuzeigen, dass Gesetze, die Diskriminierungen aufgrund eines bestimmten Persönlichkeits-merkmales verurteilen, nicht geeignet sind, um auf Mehrfachdiskriminierungen angemessen zu reagieren. Der von Crenshaw verwendete Begriff „Intersectionality“ sollte verdeutlichen, dass sich Benachteiligungen bei von Mehrfachdiskriminierungen betroffenen Personen nicht bloß addieren, sondern zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen weiterentwickeln. Diese juristische Analyse ist in die Sozialwissenschaft übertragen worden, um Benachteiligungen wirksam untersuchen zu können.
In der deutschsprachigen Theologie taucht die Intersektionalität das erste Mal 2007 in einer Untersuchung über die Bedeutung von Religion in der Antike auf. In der systematischen Theologie wird sie ausschließlich von mir rezipiert. Deswegen ist dieser Forschungsschwerpunkt in höchstem Maße innovativ und steht am Anfang der Arbeitsvorhaben. Mit der Intersektionalitätsanalyse sollen zwei Case Studies untersucht werden, die die konkrete Verbildlichung von hidden patterns verdeutlichen:
Zum einen geht es um die Benachteiligung von Frauen in Wissenschaftssystem. Hierfür wird derzeit die tatsächliche Anwesenheit von Frauen auf theologischen Konferenzen und in theologischen Fachzeitschriften statistisch erhoben. Gleichzeitig entwickele ich mit den Kolleginnen Prof. Dr. Judith Gruber (Leuven) und Prof. Dr. Ute Leimgruber (Regensburg) ein Theoriekonzept für diese Case Study, das in einen gemeinsamen Antrag münden soll.
Der zweite Schwerpunkt meiner Untersuchung befasst sich mit der Frage, welche Erkenntnisse sich mithilfe der Intersektionalität in Bezug auf sexuelle Gewalt geweihter Männer an Kindern und Jugendlichen – über die bereits erkannten Ursachen und begünstigenden Umstände dieser Gewalt hinaus – noch gewinnen lassen. Aktuell erarbeite ich eine Übersicht über den bereits existierenden Forschungsstand in den USA und möchte für die weitere Bearbeitung des Themenfelds eine interdisziplinäre Gruppe zusammenstellen.

c) Vergemeinschaftungslogiken in der Moderne und späten Moderne
Forschungsschwerpunkt und Forschungsvorhaben
Das Forschungsvorhaben nimmt die pentekostale Religiosität in den Blick. Der offenkundigen Krise der verfassten Kirchen in den säkularen Ländern steht nicht nur ein vermehrtes Interesse an Religion und religiösen Phänomenen gegenüber (Stichwort „Wiederkehr der Religion“), sondern auch eine Abwanderung in anders vergemeinschaftete Gruppierungen in den modernisierten Ländern des Südens. Dieses Phänomen wird einerseits religionssoziologisch untersucht, andererseits gibt es bis auf wenige Ausnahmen kaum theologische Auseinandersetzungen mit der Bedeutung dieser veränderten religiösen Verortung von individueller Frömmigkeit und kollektivem Bewusstsein.
Die konkreten Gruppierungen der pfingstlichen Gemeinschaften differenzieren sich selbst zudem in einem Maße, dass es kaum noch möglich ist, allgemeine Aussagen zu treffen. Und doch zeichnet sich an diesen Verschiebungen mehr ab als der je persönliche religiöse Geschmack. Die Grundform der Christlichen verändert sich (Michael Huhn, Adveniat). Mich interessiert dabei als Dogmatikerin, welche Herausforderungen diese Veränderungen für die katholische Kirche in ihrer äußeren Gestalt und in ihrem theologischen Verständnis, also der binnenkirchlichen Verarbeitung dieser Krise, haben. Zudem begleitet mich die Intuition, dass diese strukturellen Veränderungen mit ihren religionsinternen Verarbeitungen der Krise in der Moderne nicht nur für die christlichen Kirchen zutreffen, sondern eine grundlegende Erscheinungsform von Religion in der späten Moderne darstellen. Ein Drittmittelantrag wird als DACH-Antrag erneut eingereicht (Umfang 300.000 Euro).

d) Versöhnungspotenziale der Religion im Kontext von Krieg und Flucht: Case Studies
Forschungsschwerpunkt und Forschungsvorhaben
Gerade weil im Selbstverständnis heutiger, religiös vielfältiger und kulturell pluraler Gesellschaften Religionen vielfach primär als negative Herausforderung wahrgenommen werden, möchte ich den Forschungsschwerpunkt auf die Versöhnungs- und Friedenspotentiale von Religion setzen.
Religionen erscheinen, zumal wenn sie sich durch den Glauben an den einen Gott definieren, mit ihrem umfassenden, meist exklusiv gedeuteten Wahrheitsanspruch als im Kern intolerant. Dieses Projekt wendet meine Forschungsperspektive der Habilitationsschrift, die sich mit Vergebung und Versöhnung in systematisch-theologischer und philosophischer Perspektive auseinandergesetzt hat, auf konkrete Orte an.
In diesem Sinne versteht sich dieses Projekt als ein konsequentes Folgeprojekt meiner in den letzten Jahren durchgeführten systematisch-theologischen Forschungen zur Vergebung. Dabei sollen konkrete Orte aktueller oder vergangener konfliktiver, kriegerischer Auseinandersetzungen und ihrer Migrationsfolgen aufgesucht und die Versöhnungs- und Friedensprozesse ebenso wie die Ursachen der Konflikte untersucht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die jeweiligen religiösen und/oder theologischen Grundlagen, auf die rekurriert wird, und die Auslotung des Potentials für Versöhnungs- und Friedensprozesse. Für dieses Projekt ist ein Studienaufenthalt in Peru 2020 geplant, um gemeinsam mit Sr. Dr. Birgit Weiler ein mögliches gemeinsames Projekt zu entwerfen und dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kontexte als Herausforderung zu sehen. Die Idee zu diesem Projekt ist aus dem gemeinsamen Hauptseminar entstanden, als ein Langzeitprojekt angedacht und derzeit in der ersten Phase der Planung, in die Zeiten teilnehmender Beobachtung vor Ort fallen.